kritikKritisches Denken ist ein Motor in der menschlichen Geschichte. Die ersten Menschen, die sich kritisch mit dem Sein des Menschen und der Gesellschaft auseinander setzten, waren wohl die Philosophen der Antike. Namen wie Aristoteles oder Platon sind bis heute bekannt und werden oft zitiert. Viel weniger bekannte Philosophen jedoch hinterfragten gesellschaftliche und natürliche Verhältnisse und brachten Theorien zustande, die uns heute noch wesentlich prägen. So wie Heraklit, dessen Theorie „alles fließt“ die Geburtsstunde der Dialektik bildete. Genauso wie Epikur, der die Bewegung aller Dinge, statt dem bestehenden Status-Quo, in den Fokus seiner Erkenntnistheorie legte. Auch später im Mittelalter, beschäftigten sich Philosophen kritisch mit den bestehenden Verhältnissen in den europäischen Gesellschaften.

Dabei spalteten sich spätestens nun die Philosophen in zwei große Lager. In den Idealisten und den Materialisten. Bei diesen beiden Begriffen darf man jedoch nicht die heute fälschlich weit verbreiteten Bedeutungen verwenden. Als Idealist gilt heute oft jemand, der seinen Idealen folgt, während sich ein Materialist auf seinen materiellen Besitz stützt. Diese Fehlinterpretationen sind nicht Gegenstand dieses Artikels, sondern ihre ursprünglichen philosophischen Bedeutungen. Im Zentrum des Konflikts dieser beiden Richtungen steht die Frage nach dem Sein und dem Bewusstsein. Der Idealist geht davon aus, dass das Sein aus dem Bewusstsein entsteht, ganz nach dem Motto: Cogito ergo sum- Ich denke, also bin ich. Dagegen ist der Materialist der Überzeugung, dass erst das Sein das Bewusstsein bestimmt.

Was noch sehr abstrakt klingt, kann wie folgt veranschaulicht werden. Idealisten würden sagen, dass ein Arbeiter, aufgrund seines Bewusstseins, also seiner Art zu denken, eben ein Arbeiter ist. Also, dass sein Geist sein Dasein als Arbeiter bestimmt. Der Materialist hingegen sagt, dass die Tatsache, dass er ein Arbeiter ist, sein Bewusstsein prägt.

Idealismus ist oftmals auch mit Religion und dem Glauben an ein höheres Wesen oder einen höheren Geist verbunden. Auch diese Tatsache unterscheidet die Kritik, die beide Seiten üben. So erkannten auch Idealisten die Missstände in der Gesellschaft und kritisierten jene, jedoch waren sie auch der Meinung, dass diese Verhältnisse Gott gegeben und damit auch nicht veränderbar seien.

Auch später, als mit dem Erscheinen der Aufklärer, religiöse Erklärungsansätze eher in den Hintergrund gerieten, waren deren Philosophien noch durchaus idealistisch. Anstelle höherer Wesen trat nun die Vernunft des Menschen. Die Vernunft sollte die Gesellschaft formen. Die herrschende Klasse sollte der Vernunft folgen und den Armen helfen. Wie fundiert aber ist eine Kritik, die sich auf den „guten Willen“ und die Vernunft von Herrschenden stützt?

Materialisten übten ebenfalls Kritik an der Gesellschaft, jedoch strebten sie eine Welt an, in der es keine Klassen gibt und nicht wenige auf Kosten der Mehrheit profitieren. Die damaligen bereits sozialistischen Ideen waren zu dieser Zeit jedoch vor allem Utopie. Erst Karl Marx führte diese Gedanken von der Dunkelheit ins Licht. Denn wie effizient ist Kritik, wenn man das bestehende System und die Verhältnisse, die man kritisiert, nicht wirklich versteht? Mit seinem Werk der politischen Ökonomie wurde aus der materialistischen, sozialistischen Utopie eine Wissenschaft. Eine Wissenschaft, die uns lehrte, nicht nur die Symptome dieses Systems, also Dinge, wie Rassismus, Armut, Krieg etc. zu kritisieren, sondern unsere Kritik gegen das große ganze, den Kapitalismus und seine herrschende Klasse, die Bourgeoisie, zu richten.

Es ist also klar ersichtlich, wie wichtig Kritik für einen einzelnen Menschen und die ganze Gesellschaft ist. Eine Gesellschaft ohne kritische Masse, wäre fatal. Natürlich reicht Kritik alleine nicht aus. Denn tatenlose Kritik, ohne den Willen einer Veränderung, verliert sich schnell im leeren Geschwätz. Genauso muss einem klar sein, was man zu kritisieren hat, sonst endet man bald im Skeptizismus, der einfach alles anzweifelt und kritisiert. Das bringt nämlich weder einen selbst, noch andere Menschen näher an eine gerechte Welt.

Alev Bahadır