Wie steht es um junge Menschen ohne Berufsabschluss? Vonseiten der Arbeitgeber, der Wirtschaftsverbände und der Bundesregierung wird seit Jahren von einer entspannten Lage auf dem Ausbildungsmarkt gesprochen.

Doch wie sieht die Realität aus?

Momentan gibt es in Deutschland ca. 2,2 Millionen Menschen im Alter von 20 bis 34 Jahren ohne Berufsabschluss, was einer Quote von 15 Prozent entspricht. Somit kann von einer sozial-, bildungs- und beschäftigungspolitischabgehängten Generation gesprochen werden. Versprechen der Politik, die Quote der Ungelernten zu halbieren, wurden bisher also nicht eingelöst. Allzu schnell wird auf die mangelnde Eignung der jungen Menschen verwiesen und damit sind viele Diskussionen erst einmal beendet.

Doch was verbirgt sich dahinter? Welche Schulbiografien verstecken sich in der Gruppe der Ausbildungslosen? Eindeutig kann dies nicht gesagt werden, denn es handelt sich keineswegs um eine homogene Gruppe. 1,8 Millionen junge Ausbildungslose haben einen Schulabschluss, davon haben 1 Million Personen einen Hauptschulabschluss, 450.000 die Mittlere Reife und 350.000 sogar eine Studienberechtigung. Wird die Zahl der Personen ohne Schulabschluss gegenübergestellt (400.000), kann nicht davon gesprochen werden, dass viele der ausbildungslosen jungen Menschen keine gute Vorbildung hätten. Eine unzureichende Eignung allein kann also keineswegs der Weisheit letzter Schluss sein. Vielmehr spielt die mangelnde Ausbildungsplatzwahl eine entscheidende Rolle. Dass junge Menschen Ausbildungen meiden, die schlechte Einkommen bieten, in denen die Ausbildungsqualität minderwertig ist und die Chancen auf einen Abschluss geringer, kann ihnen dabei nicht angelastet werden. Zudem sollten Auswahlverfahren und Anforderungen der Arbeitgeber unter die Lupe genommen werden. Denn in einer „Kultur der Besten“ hat der Durchschnitt keinen Platz. Doch selbst ein studienberechtigender Abschluss schützt vor Ausbildungslosigkeit nicht und ohne Berufsabschluss scheint auch die beste Vorbildung keine guten Perspektiven zu bieten. Ein Teufelskreis aus dem viele schwer oder gar nicht herauskommen.

So sind von den 2,2 Millionen Ausbildungslosen 1 Million erwerbslos. Sprich lediglich 1,2 Millionen Menschen ohne Berufsausbildung sind erwerbstätig. Und dabei ist natürlich nicht jeder Job gleichzusetzen mit guter Arbeit. Vor allem junge Ungelernte sind überdurchschnittlich in prekären Beschäftigungsverhältnissen tätig. Dies ergibt sich aus dem BBIB-Report 2012: »17,7% der jungen Ungelernten waren geringfügig beschäftigt. Bei Gelernten lag der Anteil mit 5,4% erheblich niedriger«. Zudem bemerkt der Bericht, dass das Niveau prekär Beschäftigter bei den Frauen sehr hoch ist. Somit wird deutlich, dass junge Menschen ohne Berufsabschluss überdurchschnittlich prekär beschäftigt sind, wenn überhaupt und dabei geschlechtsspezifische Unterschiede zutage treten.

Es bleibt zu sagen, dass auch in der Ausbildungspolitik ein Vorankommen der Bildungspolitik nicht spürbar ist. Anstatt der versprochenen Bildungsrepublik sind tagtäglich die Maßnahmen der Sparrepublik Deutschland zu spüren. Es bleibt somit nicht aus, dass die Ergebnisse einer solchen Politik auch die Ausbildung treffen. Die Jugendlichen brauchen keine Schuldenbremse, sondern Investitionen in ihre Zukunft. Sie brauchen eine gute Ausbildung und Perspektiven auf eine nachhaltige Integration in die Arbeitswelt. Ob soziale Gründe, der demografische Wandel oder der drohende Fachkräftemangel in einigen Branchen und Regionen. Veranlassungen für eine schnelle Kehrtwende der Politik gibt es genügend. Deshalb muss es ein zentrales Anliegen der Bildungspolitik sein, die Ausbildungslosigkeit schnellst möglich abzubauen.

Hierzu gibt es diverse Lösungsvorschläge, von denen im weiteren Verlauf nur einige genannt werden sollen.

Erstens müssen Betriebe ihr Einstellungsverhalten ändern und ausbildungsbegleitende Hilfen ausbauen. Eine Auslese der besten Bewerberinnen und Bewerber muss aufhören. Betriebe müssen ihre Hürden reduzieren und das Potenzial aller Schulabschlüsse erkennen. Weniger fordern und mehr fördern, muss die Devise lauten. Natürlich ist es sinnvoll, die Betriebe hierbei zu unterstützen. So könnten z.B. ausbildungsbegleitende Hilfen zu Regelangeboten für die Betriebe ausgebaut werden. Die Auszubildenden bekämen individuelle Förderpläne, die in Abstimmung mit dem Ausbildungsbetrieb erstellt würden. So wäre es möglich, Lernschritte und Lernerfolge zu verfolgen. Solche Angebote erfordern natürlich geschultes Personal. Neben Ausbildern und Lehrkörpern wären sozialpädagogische Kräfte zur Unterstützung der Auszubildenden sowohl bei beruflichen als auch bei privaten Problemen für alle Seiten von Nutzen.

Zweitens müsste auch der Übergang von der Schule in die Ausbildung grundlegend überdacht werden. Zurzeit befinden sich zu viele junge Menschen in sinnlosen Warteschleifen des sogenannten Übergangssystems. Diese Maßnahmen führen aber anders als gedacht nicht in eine Berufsausbildung, sondern allzu oft in die Ausbildungslosigkeit und somit in vielen Fällen in prekäre Beschäftigung. Dabei brauchen junge Menschen, die aufgrund mangelnder Angebote keine Ausbildung finden, keine zusätzliche schulische Qualifizierung, sondern einen Rechtsanspruch, der ihnen spätestens sechs Monate nach Beginn des Ausbildungsjahres eine außerbetriebliche Ausbildung zusichert. Beispiele hierfür gibt es bereits. So das »Hamburger Modell«, bei dem junge Menschen, die keinen Ausbildungsplatz finden konnten, zunächst das erste Ausbildungsjahr in einer Berufsfachschule verbringen. Im zweiten Ausbildungsjahr sieht das Modell einen Wechsel in eine duale oder außerbetriebliche Ausbildung vor. Hierbei werden die absolvierten Ausbildungsinhalte stets anerkannt.

Last but not least können Tarifverträge, wie bereits die Abschlüsse der IG BCE »Start in den Beruf« und IG Metall »Tarifvertrag zur Förderung von Ausbildungsfähigkeit« gezeigt haben, für die Ausbildung genutzt werden. So kann es z.B. eine tariflich fixierte Förderphase geben, in den Arbeitgeber und junge Menschen gemeinsam schulische Defizite abbauen und Chancen auf eine erfolgreiche Ausbildung stärken. Nach erfolgreicher Förderphase entsteht der Anspruch auf eine Übernahme in eine Ausbildung.

Wie bereits gesagt, stellen die hier dargestellten Lösungsmöglichkeiten nur einen Ausschnitt des Weges aus dem Dilemma dar. Deutlich sollte allerdings sein, dass es wie bisher nicht weitergehen kann. Um den viel beschworenen Fachkräftemangel zu bewältigen, muss die Politik handeln. Dies bedeutet in die Jugend und deren Ausbildung zu investieren. Sparen ist sicherlich der falsche Weg!

Christian Begass
DGB Jugendsekretär Frankfurt am Main