Der türkeistämmige Vorsitzende des NRW-Integrationsrates, Tayfun Keltek, warb letztes Jahr für mehr muttersprachlichen Unterricht an Grundschulen. Der Hintergrund: In NRW erwägte das Land, den Englischunterricht an Grundschulen zu reduzieren. Keltek hatte deshalb die Idee, die Löcher im Lehrplan mit anderen Sprachen zu füllen: Muttersprachen von Schülern mit Zuwanderungsgeschichte. Weil die größte Zuwanderergruppe in NRW mit gut einer Million Menschen die der Türkeistämmigen ist, würde damit insbesondere Türkisch in Grundschulen aufgewertet.

Türkisch sei nach Deutsch die meist gesprochene Sprache im Land, sagt Bilge Yörenc, die Vorsitzende des Türkischen Lehrervereins Hamburg. Rund 15.000 Schüler in Hamburg sprächen sie. Die Förderung ihrer Herkunftssprache sei außerdem für den Bildungserfolg wichtig. Weltweit werde Türkisch von 300 Millionen Menschen in sechs Ländern gesprochen. Auch suchten immer mehr Firmen Mitarbeiter mit Türkisch-Kompetenz.

Bislang gibt es bundesweit überwiegend nur Herkunftssprachlichen Unterricht (HSU). Der ist freiwillig, findet oft nach Schulschluss am Nachmittag statt und die Kinder müssen den Lernstoff zusätzlich pauken. Sprich: Er ist unattraktiv. Dennoch bauen die meisten Bundesländer den HSU derzeit aus.

In den meisten Bundesländern war es zudem lange Zeit die Regierung in Ankara, die den HSU gestaltete. Sie entsandte dafür Hunderte Lehrer über ihre Konsulate nach Deutschland. Auch Unterrichtsmaterial und Lehrplan entwarf oft das Bildungsministerium in Ankara. Die Gewerkschaft GEW und der Philologenverband warnten über Jahre, die türkische Regierung wolle den Unterricht nutzen, um ein nationalistisch-reaktionäres Weltbild zu vermitteln.

Stärkt es also den Einfluss fremder Staaten, wenn die Kultur von Zugewanderten aus diesen Staaten gefördert wird oder ist es nicht in Wirklichkeit eher umgekehrt: Mehr Türkisch an deutschen Schulen könnte auf weniger Einfluss des türkischen Staates hinauslaufen?

Den Unterschied macht, wer den Unterricht gestaltet und wer für die Ausbildung des Lehrpersonals zuständig ist.

In Berlin folgten dem Angebot von Türkisch-AGs in der Verantwortung der deutschen Bildungsverwaltung innerhalb von zwei Jahren jedenfalls gleich 1600 Grundschüler an 67 Schulen und damit mehr als dem etablierten Konsulatsunterricht. Dies belegen neue Vergleichszahlen, die die Bildungsverwaltung dem Tagesspiegel auf Anfrage mitteilte. Demnach nehmen am umstrittenen Angebot der Türkei nur noch 1360 Schüler teil. Am stärksten ist die Nachfrage nach den AGs in Friedrichshain-Kreuzberg.

Um der Nachfrage nach ausgebildeten Türkischlehrern entsprechen zu können, haben Wissenschafts-Staatssekretär Steffen Krach (SPD) und die Freie Universität verabredet, einen neuen Studiengang für Türkischlehrer einzurichten.

Eine Türkischlehrerausbildung als Fach im Rahmen eines regulären Lehramtsstudiums wird seit 1995 einzig und allein von dem Institut für Türkistik an der Universität Duisburg-Essen (NRW) angeboten. Die Lehrkräfte werden nur für die Sekundarstufen I und II ausgebildet, nicht aber für die Primarstufe. Zwei weitere Hochschulen bieten eine Lehrerausbildung für Türkischlehrer am Gymnasium als Teilstudiengang oder Erweiterungsfach an: Die Universität Tübingen sowie die Ludwig-Maximilians-Universität München. Die einzige Hochschule in Deutschland mit Türkischlehrerausbildung für die Grundschule war bis 2014 die Universität Hamburg, sie stellte ihr Programm allerdings wieder ein.